Andacht am 20.04.2020

Liebe Gemeindeglieder,

wie geht es Ihnen in diesen Tagen? Freuen Sie sich über die in Aussicht stehenden kleinen Erleichterungen, die Spaziergänge bei schon fast sommerlichem Wetter, die geistliche Erbauung durch engagierte Pastorinnen und Gemeindeglieder oder auch die immer noch zuverlässig erscheinende Kirchenzeitung? Oder sind Sie doch eher genervt oder gar deprimiert durch die nach wie vor trüben Aussichten, wie lange das noch so weitergehen wird, wann wir wieder die entfernten Verwandten besuchen, ins Opernhaus oder ins Kino gehen oder gar eine Urlaubsreise unternehmen werden?

Im Vergleich mit unseren Nachbarländern geht es uns ja wirklich gut: Wir dürfen unsere Wohnung verlassen, und zwar nicht nur zum Einkaufen (nach Voranmeldung im nächstgelegenen Konsum) oder Gassigehen (woher so schnell einen Hund bekommen?). Bald sollen die kleineren Geschäfte wieder öffnen und auch der Zugang zum Arbeitsplatz für manchen von uns wieder möglich werden. Alles perfekt also bei uns in Deutschland und hier in Thüringen? Nicht für alle Mitmenschen, offensichtlich: Wenn Leute den Polizeinotruf wählen, wenn sie ein Auto mit ortsfremdem Kennzeichen bemerken. Wenn kinderreiche Familien sich den Ordnungskräften gegenüber für einen gemeinsamen Spaziergang rechtfertigen müssen. Wenn es Beschwerden von Autofahrern hagelt, sobald Fußgängerampeln auf automatischen Betrieb umgestellt werden – als hätten wir momentan nicht andere Sorgen als eine halbe Minute Zeitverzug durch eine rote Ampel! Sicherlich – das mögen Einzelfälle sein. Daß aber Frustration und Sorge um die eigene Zukunft, vielleicht auch einfach nur dieses ungewohnte Gefühl beschnittener Freiheit, sich in Mißgunst bis hin zur Denunziation niederschlagen, ist traurig und sollte uns zu denken geben.

“Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen” – dieses bekannte Wort aus dem Galaterbrief sollte uns in diesen Tagen mehr denn je ein Leitbild sein: Wenn ich mich an die vorgeschriebenen Sicherheitsmaßnahmen halte (beim Thema “Mundschutz” etwa gerade besonders aktuell), tue ich das in erster Linie nicht für mich selbst, sondern zum Schutz und auch als Signal für Andere. Diese Verantwortung sollte ich als Christ jederzeit gern übernehmen. Ob alle meine Mitmenschen sich gleichermaßen gewissenhaft verhalten, liegt nicht in meinem Einflußbereich und sollte auch nicht der Maßstab meines eigenen Handelns sein. Suchen wir nicht nach den Splittern in unseres Bruders Auge, sondern nach dem, was wir selbst zur Milderung der Lage für uns und andere beitragen können.

Achten wir auf uns selbst – und stellen alles andere unserem Schöpfer anheim, ohne dessen Wirken auch der beste Virologe nichts erreicht. Dann werden wir die nötige Gelassenheit erlangen, um diese für uns alle so völlig außergewöhnliche Zeit bestmöglich zu durchleben. Der aus der österlichen Botschaft erwachsende Optimismus, gern gespickt mit einer Prise gesunden Humors, wird uns lehren, auch den “Auswüchsen” dieser Zeit ihre positiven Seiten abzugewinnen, etwa die Rückeroberung menschlicher Expansionsräume durch die Natur… 

Bleiben wir zuversichtlich und lebensfroh und machen das Beste aus jedem neuen Tag!

Herzliche Grüße

Ihr Peter Stein

Ralf Krieg
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