Andacht am 19.04.2020

Liebe Gemeinde,

werden Sie auch wie ich manchmal früh wach und denken: das kann doch nicht wahr sein mit Corona, vielleicht ist alles nur ein Traum?! So ging es mir auch, als ein lieber Mensch gestorben war. In den ersten Wochen bin ich früh aufgewacht und dachte: Nein, das ist nicht wahr, dass er nicht mehr hier ist.

Natürlich holt uns im nächsten Moment die Wirklichkeit ein. Der Coronavirus ist da, auch wenn wir ihn nicht sehen. Einstein soll einmal zu seinem Freund gesagt haben: Lege deinen Verstand hier auf den Tisch, damit ich sehe, dass du einen hast! Und was wir sehen, können wir manchmal nicht glauben: die Situation in Italien, die mangelnde medizinische Versorgung für die Ärmsten unserer Erde; auch heute, während Sie das lesen.

Heute feiern unsere orthodoxen Schwestern und Brüder Ostern, für uns ist es der 1. Sonntag nach dem Fest. Ist es wirklich wahr: Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden! Halleluja!?

(C) Elisabeth Haase

Ich vermute, dass Glaube und Zweifel Geschwister sind. Sehen Sie das Bild vom Drackendorfer Friedhof: die Grabsteine für die Endlichkeit unseres Lebens und direkt daneben der Kirchturm, der zum Himmel weist. Ich möchte wirklich beides nur gleichzeitig sehen: die Grabsteine und den Himmel. Beides gehört für mich zusammen und während ich da stehe, fällt mir die Geschichte von Thomas (Johannes 20) ein, die zu dem heutigen Sonntag gehört. Thomas, der zweifelt, wird nicht wegrationalisiert, ausgegrenzt, als Störenfried nach Hause geschickt. Eines muss er sich allerdings anhören: Selig sind, die nicht sehen und doch glauben! (Joh. 20, 29)

Wie kommt man dazu, die Grabsteine nicht ohne den Kirchturm daneben betrachten zu wollen? Wie kommt man überhaupt dazu, an Gott zu glauben? Der Rat, den Jesus selbst gibt, heißt: Wachet und betet, damit ihr nicht in Anfechtung fallt! (Mt 26,41) Das sagt er in der Nacht, in der er festgenommen wird.

So heißt wachen für mich: sich in einer schwierigen Situation hineinzubeten ins Vertrauen zu Gott. Damit wir nicht in Anfechtung fallen, damit wir in schwierigen Situationen nicht irre-werden an Gott. Damit wir uns nicht in Ohnmacht und Resignation treiben lassen. Wer wacht, trennt nicht zwischen Leiden und Gott, sondern wendet sich mit dem Leiden zu dem hin, der Sonne und Regen in seinen Händen hält.

Es ist eine große Versuchung, Leid und Gott zu trennen. Die Bibel erzählt immer wieder von dem menschlichen Streben, sich selbst zu optimieren und die Beziehung zu ignorieren, die der eigenen Freiheit anscheinend im Weg steht: die Beziehung zu Gott.

Nehmen Sie die Fragen mit, wenn Sie über den Drackendorfer Friedhof spazieren gehen: Wie gehe ich mit der Begrenztheit meines Lebens um? Wie gehe ich damit um, dass mein Leben ein Fragment bleiben wird? Sehen Sie dabei nicht nur die Grabsteine an, sondern schauen Sie hoch zum Kirchturm, der in den Himmel weist! So wachen wir mit Christus und vertrauen darauf: Christus selbst hat das letzte Wort. Wende dein Gesicht der Sonne zu, dann fallen die Schatten hinter dich, heißt es in einem Sprichwort.

Gar nicht so einfach. Wir machen uns gerade sehr viele und große Sorgen: wegen der miserablen medizinischen Versorgung anderswo, wegen unserer alt gewordenen Tante im Altenheim, wegen der Arbeitsstellen vieler. Auch wegen der Kranken: schaffen sie es durchzukommen?

Aus Thomas bricht es heraus, so lesen wir: Mein Herr und mein Gott! (Joh. 20,28) Ich wünsche uns, dass wir im Angesicht der Grabsteine und des Kirchturms das mitsprechen können: Mein Herr und mein Gott! Dann könnten wir das Sprichwort für uns umformulieren: Wende dein Herz Christus zu, dann fallen die Sorgen hinter dich.

Gottes Schutz und Segen Ihnen!
Ihre Pfarrerin Antje Leschik

Lutz Donnerhacke
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