Andacht am 25.04.2020

„Wer sind Sie?“

Was antworten Sie darauf?
Eine Psychologin hat mir erzählt, die meisten Menschen würden diese Frage mit ihrem Beruf beantworten. Wenn sie dann weiterfragen würde nach der Person hinter dieser Berufsbezeichnung, würden viele Menschen verstummen. Das hat mich nachdenklich gemacht.
Seit sechs Wochen gehe ich nicht mehr zur Arbeit. Ich kann aber auch nicht ins Kino, in Restaurants, zum Gottesdienst, in den Sportverein, oder zum Chor gehen.
Ich fühle mich auf mich selbst zurückgeworfen. Wie ist das bei Ihnen?

Wir haben jetzt die Möglichkeit, tiefer und weiter zu blicken als je zuvor; über unseren alltäglichen Tellerrand hinaus. Hin zu unserem Nächsten, aber vor allem in unser Herz und in unsere Seele!
Was finden wir da? Fühlen wir uns wohl in unserem Leben? Unseren Beziehungen? Unserem Beruf? Was vermisse ich jetzt? Oder was vermisse ich gar nicht? Was ängstigt mich? Was macht mir Freude?

Spüren wir in uns hinein! Versuchen wir, uns ehrliche Antworten zu geben. Da ist etwas, was ich bisher nicht hören wollte – und das jetzt in der Stille laut wird. Auch dies gehört zu mir. Verhalten wir uns wie eine Bekannte von uns, die nicht im Homeoffice arbeiten will, da auch ihr Mann zuhause ist und sie nicht ihre Ehe gefährden will? Oder packen wir an, was wir als störend empfinden? Sind wir bereit, unser Leben zu verändern? Oder stellen wir fest, daß ganz viel passt?

Mich erfüllt immer mehr eine ganz tiefe Dankbarkeit. Ich stelle fest, daß ich mich auch noch auf meinen Mann freue, wenn er der einzige Mensch ist, mit dem ich sechs Wochen jeden Tag zusammen bin. Welch großes Glück!
Mich erfüllt tiefe Dankbarkeit, wenn ich meinen Garten sehe, wie alles grünt und blüht und daß ich die Arbeit darin nach sechs Wochen nicht lediglich als Ablenkung, sondern als Freude empfinde. Mich erfüllt tiefe Dankbarkeit, wenn ich an meine Arbeitsstelle denke und mich darauf freue, die Arbeit wieder aufzunehmen.

Wie fällt Ihre Bilanz aus? Spüren Sie Dankbarkeit und Freude? Oder überwiegen Ängste und Sorgen?
Ich empfinde diese Zeit als Zeit des Innehaltens. In der Ruhe, die um uns herrscht, können wir ins Gespräch mit Gott kommen und neue Einsichten über uns und unseren Lebensweg gewinnen. Diese Ruhepause gibt uns die Chance, unseren Weg zu erleuchten, so wie die Wanderwege um Jena dieser Tage mit Sonne beleuchtet sind.

Liebe Schwestern und Brüder, ich wünsche Ihnen befriedigende, hoffnungsfrohe Antworten, Gottvertrauen und einen sicheren Weg durch diese herausfordernden Zeit.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, wird unsere Herzen und Sinne bewahren in Christus Jesus. Amen.

Ihre Kathrin Raue

Ralf Krieg
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